X. Kriegsrat

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Isaak Silbermann
Eingeweihter
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Re: X. Kriegsrat

Beitrag von Isaak Silbermann »

Als Gustaver von den "Ripper-Vorfällen" erzählt, und viele der grausamen Details wiederholt, die Isaak auch schon gelesen hat, steigt Angst in dem Friseurmeister auf. "Entsetzlich!" oder "Furchtbar!" sind die Worte, mit denen er Gustavers Schilderungen kommentiert. Die Speicherinsel werde er nicht besuchen, das war für ihn so sicher wie das Amen in der Kirche, oder eben in einer Synagoge. Er würde es noch einmal versuchen müssen, die anderen zu überzeugen, einen klugeren, durchdachteren Plan zu verfolgen, der zudem auch noch sicherer sein müsste.

Auch Piotrs Aufforderung, über den eigenen Schatten zu springen und sich den krisenhaften Momenten zu stellen, lässt Isaaks Entscheidung nicht ins Wanken geraten. Natürlich vertrete er den gleichen Standpunkt, beteuert Isaak, und dass dieses aber eine andere, auf ihn nicht zutreffende Situation, sei. Auch die Gänsehaut, die sich während Gustavers Beschreibung über seinem ganzen Körper ausgebreitet hat, ist noch nicht gänzlich verschwunden und gibt Isaaks Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, Bestätigung und Auftrieb.

Erst die lieb gemeinten, aber in seinen Ohren grausam, gar unmenschlich, klingenden Worte Francescas "Herr Silbermann, bitte bleiben Sie hier und ruhen sich aus" dringen wieder zum Gefühlszentrum des sonst sehr sozialen Friseurmeisters durch. Entgeistert fährt er sie an: "Ja glauben Sie etwa, das kann ich jetzt noch?"
Seine Augenbrauen ziehen sich vergewissernd in die Höhe. Doch der Anblick der verängstigten und dennoch sehr loyalen Francesca rührt ihn so sehr, dass ihm seine ruppigen Worte sofort leid tun. Seufzend streicht er über ihre Hände und stellt dabei fest, dass seine ganz kalt sind.
"Bitte entschuldigen Sie, das habe ich nicht so gemeint. Was ich eigentlich sagen wollte, ist: Natürlich begleite ich Sie alle gemeinsam zur Speicherinsel, wenn Sie meinen, dass das der Weg ist, den wir nun gehen sollten. Es ist ja richtig, dass wir als größere Gruppe stärker und einem Gegner schon überlegen sind. Und vielleicht habe ich wirklich zu kurzsichtig gedacht, aber ich weiß einfach nicht, wie ich mit der Situation umgehen soll. Ich habe das Gefühl, mein ganzen Leben gerät aus den Fugen und ...", Isaak blickt für einige Sekunden zu den anderen, dann steht er auf, "ach was, Ihnen geht es so viel schlechter, Fräulein", wobei ein mehrmaliges Kopfschütteln seine Aufregung ein wenig unterstreicht.
Die nun folgende, entschlossen wirkende Aufforderung Isaaks "Lassen Sie uns aufbrechen" wirkt allerdings wohl eher, als ob er diese "Mutprobe" schnell hinter sich bringen wolle. "Aber eine Sache muss ich noch erledigen auf dem Weg zur Speicherinsel. Ich muss kurz bei Marika vorbei, sie wohnt dort in der Nähe. Zum Anrufen ist es zu spät, aber ich muss ihr wenigstens eine Nachricht für den Salon morgen früh hinterlassen. Es wird keinen Umweg bedeuten und mir wäre es ein Anliegen."
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Der Mentor
Hohepriester
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Re: X. Kriegsrat

Beitrag von Der Mentor »

Als sich die Anwesenden nach für nach von ihren Sitzplätzen erheben, ist es, als schwappe eine Woge des Mutes, der Zuversicht und des unbedingten Willens zur Lösung eurer Probleme durch den Raum. Zweifel weicht Entschlossenheit, Zögern weicht Tatendrang und aus Angst erwächst unverhofft Mut. Das Ticken der antiken Standuhr im Raum hingegen scheint mit jeder Sekunde, die die Mitternacht näher rückt, lauter zu werden und unterstreicht damit die Tatsache, dass die Zeit drängt.

Erneut ist es Piotr, der dieser Tatsache verbal Ausdruck verleiht:
"Dann wir sollten keine weitere Zeit verlieren und rasch aufbrechen. Herr Hagedorn, ich hoffe es ist in Ordnung, wenn wir Sie morgen früh anrufen in ihrem Geschäft?"

Der alte Mann nickt und erhebt sich ebenfalls, wenn auch etwas schwerfälliger, verstaut das Brendall-Buch in der ledernen Umhängetasche und schultert diese. Piotr nickt er väterlich zu und sagt:
"Selbstverständlich, Herr Cebulski. Meine Herrschaften, ich wünsche Ihnen alles Glück, dass Sie heute Nacht gebrauchen können - was auch immer Sie nun vorhaben. Ich werde jedenfalls schauen, was ich noch über Spiegelmagie herausfinden kann, und vor allem, was Eckartshausen dazu schreibt."

Hände werden zum Abschied geschüttelt und Schultern geklopft, dann verabschiedet sich Hagedorn auch schon, beziehungsweise lässt sich über Herrn Silbermanns Fernsprechapparat ein Taxi rufen, welches etwa 10 Minuten später eintrifft. Der Antiquar überbrückt die Wartezeit an der frischen Danziger Nachtluft und widmet sich den Resten seiner Zigarre. Piotr geht zwischenzeitlich hinauf auf das gemeinsame Zimmer, um seinen Mantel und seine Geldbörse zu holen.

Gustaver schlägt vor, ebenfalls aufzubrechen, sobald das Taxi kommt und entsorgt noch rasch den erloschenen Stummel, welchen er seit einer geraumen Weile mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger umklammert hielt. Dann geht er noch einmal auf die Toilette und wartet anschließend im Flur nahe der Tür auf die anderen.
"Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein." - F. Nietzsche, Aph. 146
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Sorina Popescu
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Re: X. Kriegsrat

Beitrag von Sorina Popescu »

"Nun gut"
sagt Sorina mit ernster Stimme währen sie sich entschlossen erhebt
"lassen Sie uns heute Nacht den Dämon, welche Gestalt er auch haben mag, zur Strecke bringen!"
Zu Francesca gewandt sagt sie:
"Wir könnten Olga kurz anrufen, was meinen sie?"
Auch wenn sie nicht glaubt, dass er ihr nützlich sein wird, überprüft Sorina im Flur ihren Revolver in der Handtasche.
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Francesca Satorielli
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Re: X. Kriegsrat

Beitrag von Francesca Satorielli »

"Sie hat so eine neumodische Fernsprechgerät noch nicht, wir müssen hin, Frau Popescu, wenn wir sie warnen wollen"
beim Antworten erblickt sie Sorinas Revolver und fügt mit zittriger Stimme hinzu,
"Vielleicht sollte ich mein Florett auch gleich mitnehmen"
kurz überlegt sie, bevor sie fast flüsternd und nur für Sorina hörbar weiter spricht,
"Vielleicht fühle ich mich dann nicht mehr so hilfllos"
Fantastische!
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Isaak Silbermann
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Re: X. Kriegsrat

Beitrag von Isaak Silbermann »

Isaak erhebt sich als letztes und lässt es sich nicht nehmen, noch einige Gläser und Flaschen in der Küche oder auch in den hölzernen Schränken des Salons zu verstauen. Die Aschenbecher finden Platz neben den Blumentöpfen, draußen auf der Fensterbank. Während die Aufbruchsstimmung im Hause Silbermann Einzug hält und noch einige organisatorische Fragen abgeklärt werden, entschuldigt sich Isaak ohne viele Worte und deutet auf das Badezimmer, welches er offenbar noch aufsuchen möchte, bevor die Nacht ihren unbekannten Anfang nimmt.

"Das Quietschen des Wasserhahns ist vermutlich sogar von den anderen im Flur zu hören", denkt Isaak, als er selbigen aufdreht, um sich noch einmal gründlich die Hände zu waschen. Dies ist eines der Rituale, das bei dem Friseurmeister in Fleisch und Blut übergegangen zu sein scheint. Wie oft wusch er seine Hände am Tag? 40 bis 50 Mal? - Er betrachtet die Hautoberfläche seiner Finger, während er seine Hand dabei leicht dreht. "Dafür sehen diese Hände aber noch gut aus" geht es ihm durch den Kopf, jedoch lässt sein Schmunzeln daraufhin die ausgeprägten Wangenfalten als Ausdruck des Alters dafür um so deutlicher hervortreten. Das fällt ihm allerdings erst beim Blick in den Spiegel auf, der vor ihm oberhalb des Waschbeckens thront. Beim näheren Herantreten fallen ihm seine Bartstoppeln ins Auge, über die er schließlich annehmend und zärtlich streicht. Intuitiv wandert sein Blick letztlich zur Unterlage, auf der sich die Hygieneartikel der Kleinfamilie Silbermann - fein säuberlich sortiert - befinden: die Klinge des Rasiermessers sieht ein wenig stumpf aus und sollte bald mal wieder nachgeschliffen werden.

Nach einem zügigen Toilettengang und einer erneuten Säuberung der Hände schließt Isaak zur Tür auf und ist bereits im Begriff, das Licht im Raum zu löschen, als ihm erneut ins Bewusstsein gerät, dass ihm nun ein nächtlicher Streifzug über die Speicherinsel bevor steht, der möglicherweise gefährlich werden könnte. Ohne lange zu überlegen schnellt Isaak zurück und steckt sich das Rasiermesser in den Hosenbund. Der erneute Blick in den Spiegel verrät ihm, dass er so auf jeden Fall mehr Sicherheit ausstrahlt und damit für diese Situation gewappnet sei.

Mit aufrechtem Gang erreicht Isaak nach einigen Minuten wieder den Flur, lächelt besonders Fräulein Satorielli und Frau Popescu zu und greift sich anschließend seinen Schlüssel von der Kommode. Dann angelt er noch seinen braunen Hut vom Kleiderständer, rückt ihn mit Blick in den Flurspiegel passend zurecht und unterbricht die anderen:
"Nun denn, wir können aufbrechen."
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Der Mentor
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Re: X. Kriegsrat

Beitrag von Der Mentor »

So verlasst ihr alle die Wohnung. Während Isaak noch die Eingangstüre abschließt, kündigen ferne Scheinwerfer auch schon das bestellte Taxi an, welches mit knatterndem Motor vor dem Haus in der Reitergasse zum Stehen kommt. Nachdem Hagedorn erneut verabschiedet wurde und die zwei roten Augen des Vehikels wieder hinter der nächsten Straßenecke verschwunden sind, macht Gustaver den Anfang und marschiert wacker drauflos, in Richtung der Mottlau und hinein in die ungewisse Danziger Nacht.

[Es geht weiter im nächsten Kapitel]
"Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein." - F. Nietzsche, Aph. 146
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