II. Sein und Schein

Re: II. Sein und Schein

Beitragvon Isaak Silbermann » Donnerstag 4. April 2013, 21:26

Visitenkarten sind gut für's Geschäft. Das weiß Isaak als selbstständiger Salonbesitzer natürlich, dennoch hatte er bisher nie von diesen Geschäftskärtchen Gebrauch machen müssen. Der Laden lief bisher immer hervorragend, außerdem schienen ihm Visitenkarten bisher für andere Berufsfelder geeigneter. Neugierig ist er dennoch, wie sich die Herren Feldess und Schlotzel auf einem kleinen Stück Papier verkaufen und nimmt sich natürlich von jedem eines.

Als Gustavers Notizbüchlein den Gastgeber erreicht, setzt dieser sorgfältig seine Lesebrille auf und zückt einen silbernen Füller, mit dem er in geschwungenen Lettern seine Adresse auf der nächstfreien Seite verewigt. Ein wenig zittrig scheint ihm die rechte Hand heut zu sein. Aufmerksam verfolgt er dennoch das Gespräch, das für ihn die wichtigste Frage überhaupt beinhaltet: Wie kann man mit dem Erlebten umgehen? Und, um sie mit Francescas Worten zu erweitern: Wie sollte man es verarbeiten? Mit zunehmend kritischer Miene blickt Isaak über das dunkelbraune Brillengestell hinweg in die diskutierende Runde. "Dieses Wissen verpflichtet uns?", wiederholt er in Francescas Richtung, "Wozu? Weiter zu forschen, um am Ende in noch ungeahnt schrecklichere Welten hinüberzutreten?", schließlich suchen seine Augen die Sorinas, "Nein, auch wenn Sie es anders sehen, ich halte dies nicht für eine Bestimmung. Ich möchte mit all diesen Kreaturen, Verzerrungen und sonstigen Irrealitäten nichts mehr zu tun haben!". Ein Hauch von Wut begleitet seine Worte unweigerlich, bis sein Gesicht schließlich in ein sattes Rot gefärbt ist - der Wein möge seins beigesteuert haben!

Schließlich merkt Isaak selbst, dass seine Worte möglicherweise zu forsch gewesen sind. Mit leicht versöhnlichem Blick in die Runde, der dennoch ein wenig überfordert wirkt, offenbart er schließlich auch Francesca und Sorina die Tatsache, dass sein Salon nun wohl schon wochenlang geschlossen sei. Auch die Abwesenheit seiner Frau mache ihm zu schaffen, erklärt er schließlich mit wehmütiger Stimme. Und deshalb sei ihm im Moment nichts wichtiger als die Zukunft und die Beständigkeit all der "wahren" Dinge, und diese stünden im Gegensatz zu sämtlichen Ereignissen und Thematiken der letzten Wochen. "Deshalb sollte man doch auf gute Zeiten trinken und die schlechten vergessen!", mahnt er schließlich mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen und füllt generös die Likör- und Weingläser seiner Gäste auf.
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Re: II. Sein und Schein

Beitragvon Piotr Cebulski » Donnerstag 4. April 2013, 22:16

"Wohlauf!", stimmt Piotr ein und hebt sein Glas. "Ich muss meinen, auch wenn all diese Erlebnisse waren schrecklich und grotesk, es mir doch eine Freude ist, dass ich habe auf diesem Weg Ihrer aller Bekanntschaft machen können" - kurz stutzt er und denkt über das Thema Satzbau nach - "Was ich will sagen, ich möchte Sie alle fortan nur zu gerne bezeichnen als meine Freunde!"

Ein Hauch von Unsicherheit streift seine Euphorie, als er hoffnungsvoll in die Runde sieht. "Was Sie sagen ... ?"
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Re: II. Sein und Schein

Beitragvon Francesca Satorielli » Samstag 6. April 2013, 02:16

"Sehr gerne, Herr Cebulski und Sie haben vollkommen Recht, mir war es ebenfalls eine Freude und ich hoffe auf einen regen Briefwechsel"
Francesca lächelt Piotr an und nickt auch den anderen freundlich zu,
"Bitte nennen Sie mich ab heute Francesca."

Dann wendet sie sich an Isaak,
"Das ist mir völlig klar, Herrn Silbermann. Auch ich muss mich um mein Studium kümmern, meine Familie benachrichtigen und Herrn la Baume alles erklären"
kurz schüttelt sie sich bei dem Gedanken ihrem Chef die Lügengeschichte noch einmal erzählen zu müssen,
"ich möchte auch erst mein Leben wieder sortieren, aber nebenher werde ich mich weiter erkundigen. Verspüren sie denn gar keine Neugier? Wenn es das Böse gibt, muss es auch das Licht geben. Und uns ist es immerhin gelungen das Böse zu bekämpfen und viele unschuldige Menschen vor einem grausigen Tod zu bewahren. Das gibt mir umheimlich viel Hoffnung."

Francesca räuspert sich, nimmt einen Schluck Wein und fügt hinzu,
"Außerdem möchte ich es verstehen. Ich möchte verstehen was uns widerfahren ist. Ich hoffe, dass ich einige Bücher finde, die mehr Informationen über diese Welten, das Böse und überhaupt diese Zusammenhänge enthalten. Wir haben es erlebt und wir werden nicht die ersten und einzigen sein. Verstehen Sie was ich meine?"
Francesca schaut Isaak liebevoll an,
"Ich respektiere Ihre Entscheidung. Ihre Situation ist sehr schwierig zur Zeit und ich hoffe, dass sich alles zu ihrem Besten wenden wird, glauben Sie mir Herr Silbermann. Doch wenn es Ihnen eines Tages danach ist, über diese schlimmen Dinge zu sprechen, scheuen Sie sich nicht sich bei mir zu melden."
Fantastische!
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Re: II. Sein und Schein

Beitragvon Gustaver von Feldess » Samstag 6. April 2013, 11:32

"Na dann ... ich bin Gustaver", wirft von Feldess ein und hebt eine Hand wie zum Gruß in die Runde. Francescas Kommentar über Briefkontakt lässt ihn leise schnaufen, doch scheint keine böse Absicht dahinter zu stecken: "Ohje, Briefe. Also ich bin nicht gut in sowas, das sag ich gleich, aber wir können es versuchen. Was ist denn mit Ihnen, haben Sie vor, nun dauerhaft in Danzig zu bleiben?", fragt er zuletzt in Sorinas Richtung, als die Türklingel unvermittelt seinen Satz unterbricht.

Trotz der späten Stunde ist es ein Schutzmann, der euch einen Besuch abstattet, um eure Pässe auszuhändigen - was er nach Nennung von Namen und Abgleich mit den zugehörigen Lichtbildern auch tut. Wer hätte gedacht, dass die Polizei um diese Uhrzeit noch arbeitet?
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Re: II. Sein und Schein

Beitragvon Sorina Popescu » Sonntag 7. April 2013, 20:29

Erleichtert nimmt Sorina ihren Pass entgegen und blickt dem Schutzmann mürrisch hinterher. Dann wendet sie sich Gustaver zu.
"Dauerhaft?"
wiederholt sie seine Frage mit zweifelndem Gesichtsausdruck,
"nun, das weiss ich noch nicht, aber eine Weile werde ich sicher hier bleiben und versuchen die Bibliothek Herrn Hagedorns zu studieren."
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Re: II. Sein und Schein

Beitragvon Piotr Cebulski » Montag 8. April 2013, 08:18

"Achja, Herr Hagedorn!", fällt es Piotr ein. "Er war sehr erleichtert, zu hören meine Stimme am Telephon und dass wir alle sind wohlauf. Er wird sicher neugierig erwarten, dass Sie ihm berichten, was wir erlebt haben, Frau Popescu."

Kurz runzelt er die Stirn und scheint etwas abzuwägen.
"Ich denke, es nicht gibt viele Menschen auf der Welt, denen wir die Wahrheit erzähligen können, aber Herr Hagedorn ... ich glaube, zu ihm wir können offen sprechen ... oder?"
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Re: II. Sein und Schein

Beitragvon Der Mentor » Montag 8. April 2013, 16:44

... eine von zahlreichen Fragen, die an diesem Abend gestellt und diskutiert werden, ohne zwingend in einer einstimmigen Antwort zu münden.

Während die Zeiger der alten Standuhr weiter ticken, fließen Alkohol und glimmt Tabak, als würden diese gesellschaftlichen Rituale helfen, die Illusion einer schlichten, mehr oder weniger unstrittigen Realität wieder aufzubauen. Leider hat sich das Fundament dafür in euch für immer verändert und trotz Frau Dr. von Zobels tragischem Schicksal mag manch einem der Gedanke kommen, dass die Alienistin irgendwie auch Glück gehabt hat. So vieles ist ihr erspart geblieben - Bilder und Emotionen, die euch andere ein Leben lang begleiten werden wie düstere Schatten ...

Es ist weit nach Mitternacht, als sich zunächst verhaltene Gähnattacken sichtlich zu häufen beginnen und schließlich ist es der Hausherr, welcher die letzte Runde einläutet. Danach heißt es für einen Großteil Abschied nehmen und jeder verleiht diesem Moment seine eigene Note. Von innigen Umarmungen mit tränenfeuchten Augen über kräftiges Händeschütteln bis hin zu unsicherem Schulterklopfen reicht die Palette und fast fühlt man sich wie am letzten Schultag seines Lebens - wehmütig ob des unabwendbaren Endes und doch irgendwie erleichtert. Endlich raus hier, heißt es für manche - weg von diesem Ort der Rätsel, der Unsicherheit und Verwirrung, Groteske und Dunkelheit.

Wie harmlos die Schulzeit doch im direkten Vergleich erscheint...

Natürlich begleiten zahlreiche Beschwörungen des zukünftigen Austauschs die Szene an der Silbermann'schen Haustür. Immer wieder wird der Wille demonstriert, den Kontakt zu halten und das Bestreben mancher unter euch bestärkt, weiter zu forschen und Klarheit hinsichtlich der zahllosen, unbeantworteten Fragen zu suchen. Danach scheidet die ungleiche Gruppe von einander.
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Re: II. Sein und Schein

Beitragvon Der Mentor » Montag 8. April 2013, 16:59

Am nächsten Morgen wiederholt sich die Szene noch einmal in kleinerer Konstellation am Danziger Hauptbahnhof, denn Isaak lässt es sich natürlich nicht nehmen, die beiden Berliner Herren zu begleiten. Aus Anstand natürlich, aber auch zu deren Erleichterung, denn insgesamt wollen weitaus mehr Koffer und sonstige Gepäckstücke transportiert werden, als die beiden Männer Arme haben (eine kleine Hinterlassenschaft der natürlich ohne ihre im Hause Silbermann gelagerten Besitztümer abgereisten Bernadette).

Als die Lok des Personenzugs nach Deutschland pfeifend und schnaufend ihre bevorstehende Abfahrt verkündet, bleibt Friseurmeister Silbermann allein am Bahnsteig zurück. Nachdenklich sieht er von außen zu, wie die beiden neu gewonnenen Freunde ihre Plätze im Abteil einnehmen und noch einmal begegnen sich eure Blicke, woraufhin Hände und Hüte das letzte Mal zum Abschied gehoben werden. Verschwörerisch erscheint dem Friseur der letzte Blick des Privatdetektivs und das aus gutem Grund, schließlich teilt man fortan ein Geheimnis, welches euren Blick auf die Welt grundlegend von dem der meisten Menschen unterscheidet.

Noch einige Minuten verweilt der Haarkünstler am Bahnsteig und sortiert seine Gedanken, dann durchquert er mit bedächtigen Schritten die große Halle, um schließlich durch die doppelflügelige Eingangstür zu verschwinden. Es gibt viele Aufgaben, die dringlich auf ihn warten ...

[Ende ... ?]
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