IX. Süßer die Glocken nie klingen

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Francesca Satorielli
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Re: IX. Süßer die Glocken nie klingen

Beitrag von Francesca Satorielli »

"Es ist immer noch alles sehr aufregend, Bernadette. Seit ich hier angekommen bin, habe ich noch keine wirkliche Ruhe gefunden. Ich hoffe die Feiertage werden mir ein wenig Erholung bringen. Ich arbeite nun drei Mal die Woche bei meinem Onkel Luigi Vincenzo Satorielli, er hat ein kleines Lokal am Hackeschen Markt und es ist wirklich sehr anstrengend. Nicht dass soviel Betrieb wäre, es wäre ja schön wenn dem so wäre, aber du glaubst gar nicht wie sehr mir mein Onkel auf die Nerven geht. Ständig krittelt er an mir herum und dass ich immer noch keinen Mann gefunden habe, ist seine größte Sorge. Es ist einfach unvorstellbar welche Gesellen er mir schon vorgestellt hat mit der Absicht mich unter die Haube zu kriegen. Einfach unglaublich, sag ich dir!"

nachdem Francesca ihre Worte eindrücklich mit ihrer Gabel untermalt hat, legt sie diese beiseite, um sich ihrem Weinglas zu widmen,

"Und zusätzlich habe ich eine Stelle an der Uni bekommen. Ich betreue die jungen Erstsemesterstudenten und oft jene, die aus dem Ausland her gekommen sind, um hier zu studieren. Es ist so nervig. Unfassbar wie aufdringlich manche Leute sein können! Nicht dass alle jungen Studenten mir unangenehm wären, aber es gibt wirklich einige, die wohl ihr ganzen Leben lang ummuttert worden sind und der Meinung sind, ich müsste diesen Job nun übernehmen."

Francesca schnaubt und sieht sich dann etwas pikiert um,

"Entschuldigt, ich habe mich in Rage geredet"

ihr Blick fällt auf Herrn Dr. Schmidt,

"Dass ich bei David einziehen konnte, ist allerdings wirklich fantastische! Mehr Glück konnte ich gar nicht haben. Ich habe ein großes Zimmer mit viel Ruhe, was meine Arbeit gut voran bringt, eine gut eingerichtete Küche, ein gepflegtes Bad und sehr angenehme Gesellschaft. Ich glaube nicht, dass irgendein Student in Berlin besser wohnt als ich."

Sie prostet ihm lächelnd zu, um sich dann wieder an Frau Dr. Zobel zu wenden,

"Aber sag, wie geht es dir, Bernadette?"
Fantastische!
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Dr. Bernadette von Zobel
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Re: IX. Süßer die Glocken nie klingen

Beitrag von Dr. Bernadette von Zobel »

Bernadette entpuppt sich als aufmerksame, zugewandte Zuhörerin. Hier und da nickt sie, lächelt, wirft kurze Kommentare ein und ertappt sich aufgrund der Vielzahl an positiven Schilderungen irgendwann sogar bei einem leisen Lächeln.

Soweit verläuft eigentlich alles gut - bis Francesca ihrerseits die Frage nach Frau Doktors Befinden stellt. Die Reaktionen am Tisch sind verschiedenartig und laufen großteils auf einer unbewussten Ebene ab: Vater von Zobel verrutscht eine Augenbraue, Sohnemann Hans-Gernot schaut verstohlen auf Mamas Miene, Gustaver saugt hörbar scharf Luft ein und Piotr verstummt in seinem sozialistischen Vortrag.

Dr. Hartel und manch anderer diskutieren glücklicherweise am anderen Tischende weiter, sodass nicht der gesamte Raum in plötzlicher Grabesstille versinkt.

Bernadette selbst schaut Francesca einige Herzschläge lang nachdenklich an und ringt währenddessen offenkundig mit den ihr zur Verfügung stehenden Optionen - der zynischen Antwort, der giftigen, der sachlichen, der euphemistischen. Ihr letzter Blick gilt ihrem Sohn, dem sie über den Kopf streicht, bevor sie wieder zu der angehenden Archäologin sieht:
"Der Schlag hat mein ganzes Leben verändert und damit zwangsläufig auch die meiner Lieben, Francesca." Sie seufzt leise. "Oft ist es schwer für mich, liebe Freunde, so viele Türen haben sich für immer für mich geschlossen und bisher fehlt es mir oft am hoffnungsvollen Blick auf die Dinge. Man sagt ja, dass alles zwei Seiten hätte, aber ich sehe die andere noch nicht wirklich ..." Beiläufig greift sie zur Kippenschachtel und zündet sich eine an, obwohl das Mahl noch in vollem Gange ist.

Die Stille an eurer Tischhälfte währt einige unangenehm lange Sekunden und man weiß nicht, ob die Alienistin vorhat, fortzufahren. Mit glasigem Blick schaut sie zu einem der dunklen Fenster, an welchem weiße Flocken vorüber trudeln.
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Dr. David Schmidt
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Re: IX. Süßer die Glocken nie klingen

Beitrag von Dr. David Schmidt »

David, der den Gesprächen zugehört hat und der schon die ganze Zeit das Gefühl hat, dass die Leute der Tischhälfte, die er bis auf die Silbermanns schon alle kannte, an der er sass irgendwie miteinander verbunden waren- auf jeden Fall mehr als durch zufällige Bekanntschaft. Nun als das Schweigen leicht bedrückend wird kommt er sich seltsam ausgeschlossen vor. Er der Bernadette nur als vielleicht etwas schwierige Kollegin kannte, war natürlich betroffen über ihr Schicksal, aber die anderen sind doch mehr mit Bernadette verbunden, wie er erkennt- fast wie Freunde.
"When in doubt, reach for the stars. That way you'll never come up short."

"Wurde bei einem Freud Kongress weggeschickt, weil ich zu Jung bin." (unbekannt)
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Isaak Silbermann
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Re: IX. Süßer die Glocken nie klingen

Beitrag von Isaak Silbermann »

Die bedrückende Antwort Bernadettes stimmt Isaak nachdenklich. Schweigsam lauscht er ihren traurigen Worten und nickt ab und an, wenn er ihren Argumenten Zustimmung verleihen möchte. Nur kurz hebt er seinen Kopf, um einen Blick in Bernadettes Gesicht erhaschen und etwas aus ihrer Mimik ablesen zu können. Wie hat sie sich doch verändert! Als Isaak merkt, dass er im Anblick der veränderten Gesichtszüge der Ärztin den Gedanken nachzuhängen scheint, senkt er sein Haupt wieder und widmet sich den letzten Überbleibseln des überaus geschmackvollen Essens auf seinem Teller, obwohl ihm eigentlich gar nicht mehr nach den Speisen verlangte.
Bernadettes Traurigkeit und die Anerkennung ihrer eigenen Schwächlichkeit überraschen ihn, offenbaren ihm aber auch etwas anderes: es muss schlimm um sie bestellt sein. Die gesunde Bernadette hätte anders gesprochen. Isaak bemerkt schließlich, dass sie sich eine Zigarette angesteckt hat - sie raucht also immer noch! Als die ersten Rauchschwaden vorüber geglitten sind und das Sichtfeld zu Bernadette etwas klarer ist, wendet sich der mittlerweile vom Wein etwas gerötete Gast Isaak Silbermann der Dame zu: "Liebe Bernadette, sorge dich nicht. Die Sorge ist doch, was uns belastet. Sie benebelt unsere Gedanken, dann können wir nicht klar sehen. Das müssen wir aber, um diese 'zweite Seite' bzw. den anderen Blick auf die Dinge zu sehen, von der Du vorhin sprachst. Vielleicht offenbart sich etwas Positives erst später. Wir können nur daran glauben."
Hoffnungsvoll blickt er Bernadette in die Augen, als ihm spontan noch ein Gedanke kommt. "Und wenn Du magst, dann kann ich Dir gerne mal wieder eine Frisur machen, bei der Du - auch innerlich - strahlen kannst. Dann fühlst du dich vielleicht wieder etwas frischer und lebendiger?" Er lächelt sie kurz an, wartet jedoch keine Antwort ab und schenkt schließlich wieder seinem Weinglas die Aufmerksamkeit.
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Dr. Bernadette von Zobel
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Re: IX. Süßer die Glocken nie klingen

Beitrag von Dr. Bernadette von Zobel »

Zunächst scheint es, als würde Bernadette Isaaks Worte überhaupt nicht hören. Erst nach einigen Augenblicken löst sie ihren Blick vom Fenster und sieht in sein Gesicht. Früher war sie schlagfertig, doch jetzt schweigt sie - nickt lediglich mit zugeschnürter Kehle und einem aus Höflichkeit geborenen Krampf von Lächeln im Gesicht.

Eine Berührung ist es, die sie ihre Gabe zu Sprechen wiederfinden lässt. Ihr Kopf dreht sich zu Sohnemann Hans-Gernot, welcher die gelähmte Hand seiner Mutter ergriffen hat und nun sachte streichelt. Fast meint man, der Bub sei schon weitaus älter als 12 und die Rollen der Fürsorge hier gänzlich vertauscht. Wenn man bedenkt, wie jung Bernadette schon Witwe wurde, könnte da sogar etwas dran sein.

Die Szene währt nur wenige Sekunden, dann drückt die Irrenärztin ihre nur halb gerauchte Zigarette wieder aus und wendet sich stattdessen ihrem Pfleger zu:
"Christian, die Natur fordert ihr Recht ein. Es tut mir leid." - Was bedeutet, dass der junge Mann ihren Rollstuhl holen, sie vom Esstischstuhl in selbigen wuchten und dann anschließend die Halle hinunter schieben muss. Ein aufwendiges und für die einst so taffe und selbständige Frau sicherlich erniedrigendes Prozedere, an dessen Ende beide gemeinsam hinter einer der zahlreichen Türen des Herrenhauses verschwinden.
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Gustaver von Feldess
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Re: IX. Süßer die Glocken nie klingen

Beitrag von Gustaver von Feldess »

"Du bist ein ganz tapferer Junge", raunt Gustaver, welcher neben Hans-Gernot sitzt und legt diesem kurz einen Arm um die Schultern. Danach sieht er beinahe hilfesuchend zu David.
"Der Scharfsinn der Polizei ist die Gabe, alle Menschen eines Diebstahls für fähig zu halten, und das Glück, dass sich die Unschuld mancher nicht erweisen lässt."
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Dr. David Schmidt
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Re: IX. Süßer die Glocken nie klingen

Beitrag von Dr. David Schmidt »

Der jedoch hatte beschlossen sich dem guten Essen zu widmen. Natürlich sieht er den Blick Gustavers, aber was sollte er machen, als dem Jungen zuzunicken, so als ob er dadurch den eben gesprochenen Worten durch seine Zustimmung noch Gewicht verleihen wollte.
Er war einfach kein Freund von Firmenfeiern, zuviel Sozialstress, aber zumindestens gab es immer etwas gutes zum Essen.
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Francesca Satorielli
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Re: IX. Süßer die Glocken nie klingen

Beitrag von Francesca Satorielli »

Francesca nickt verständnisvoll, als Bernadette sich erklärt,
"Ich glaube fest daran, dass du deinen Weg noch finden wirst, Bernadette."
dabei streicht sie sich unterbewusst, über das kleine silberne Kreuz, dass ihren Hals ziert.

"In dieser Welt existieren Kräfte die wir uns nicht erklären können, keiner von uns kann sagen, was die Zukunft bringen mag"
fügt sie nach Isaaks ermunternden Worten hinzu, dabei zwinkert sie dem jungen Sohn Bernadettes zu und lächelt aufmunternd, während Frau Dr. Zobel im Begriff ist, das Zimmer zu verlassen.

Nachdem einen Moment Schweigen herrscht, räuspert sich Francesca dezent und sucht erneut das Gespräch. Diesmal richtet sie ihre Aufmerksamkeit auf die Herren von Feldess und Cebulski

"Und ihr Beiden, wie ist es euch ergangen? Besonders von dir Gustaver habe ich so gut wie gar nichts gehört in der letzten Zeit."
Fantastische!
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Der Mentor
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Re: IX. Süßer die Glocken nie klingen

Beitrag von Der Mentor »

Gustaver nimmt dankbar den Faden auf und während ringsum allmählich auch die Letzten ihre leeren Teller mit gefaltetem Besteck und zerknüllten Servietten versehen, beginnt der Privatdetektiv von seiner Arbeit der vergangenen Monate zu erzählen. Eine insgesamt etwas hakelige und nicht sonderlich spannende Schilderung, in deren Verlauf er sich selbst immer wieder unterbrechen muss, um auf seine Pflicht zur Verschwiegenheit hinzuweisen oder seine Wortwahl Hans-Gernots Anwesenheit anzupassen. Neu für Francesca und die anderen ist lediglich, dass von Feldess zwei seiner drei Wohnungen kündigen musste und das Geschäft insgesamt wohl nicht so rosig läuft. Tatsächlich sieht sein Hemd bei näherer Betrachtung aus, als erlebe es heute nicht seinen ersten Abend.

Generell ist die feierliche Stimmung auch nach Bernadettes Rückkehr etwas dahin und die Gespräche gehen nur schleppend vonstatten. Von Zobels Mitarbeiter und Angestellte aus der Klinik sind entsprechend die ersten, die sich schon bald nach der süßen Birne Helene verabschieden, um nach Hause zu gehen oder noch Verwandtschaft zu besuchen.

Hans-Gernot geht um kurz nach 22 Uhr ebenfalls zu Bett und in kleinerer, vergleichsweise schweigsamer Runde lässt man den Abend noch bei einem Branntwein ausklingen.


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[Es geht weiter im nächsten Kapitel]
"Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein." - F. Nietzsche, Aph. 146
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