I. Donnerstag, 26.1.1922 - Morgenstund hat Gold im Mund

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Der Mentor
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Re: I. Donnerstag, 26.1.1922 - Morgenstund hat Gold im Mund

Beitrag von Der Mentor » Freitag 24. Oktober 2014, 11:03

Unabhängig von der Richtung, die Julius nun letztendlich wählt - und er als Fahrer hat in diesem Fall ganz klar das letzte Wort - wirft Francesca ein, dass man außerdem noch einen Abstecher bei Luigi Satoriellis Restaurant in der Innenstadt einplanen muss, bevor es nach Grunewald geht.

"Mein Onkel hat noch kein Telefon in seinem Lokal und ich muss ihm doch unbedingt noch Bescheid geben, dass ich heute nicht arbeiten kann", erklärt sie, während Herr Johnsson seinen Wagen durch den morgendlichen Berliner Verkehr manövriert.
"Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein." - F. Nietzsche, Aph. 146

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Julius Johnsson
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Re: I. Donnerstag, 26.1.1922 - Morgenstund hat Gold im Mund

Beitrag von Julius Johnsson » Freitag 24. Oktober 2014, 16:28

Julius grummelt auf Francescas Bemerkung hin mürrisch. Konnte man so etwas nicht vorher erledigen?
"Wenn es denn auf dem Weg liegt" antwortet er seufzend.
"Aber sie haben recht, so lange der Hauptmann bewusstlos ist, macht ein Besuch im Krankenhaus wenig Sinn" schiebt er kurz darauf nach und schlägt den Weg zum Anwalt ein.

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Der Mentor
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Re: I. Donnerstag, 26.1.1922 - Morgenstund hat Gold im Mund

Beitrag von Der Mentor » Freitag 24. Oktober 2014, 17:19

Das "Ristaurante Satorielli" ist nicht schwer zu finden und es bedarf nur eines kleinen Umwegs von etwa fünf Minuten, um dorthin zu gelangen. Francesca verspricht, sich zu beeilen, steigt aus und maschiert sogleich zügigen Schrittes auf den Eingang zu.

Es vergehen etwas mehr als 10 Minuten und ihr beginnt schon langsam, euch zu wundern, was denn wohl so lange dauert?! Da wird die Tür zum Speiselokal plötzlich schwungvoll von innen aufgedrückt und eine schluchzende Francesca mit derangierter Frisur und verlaufenem Makeup tritt daraus hervor. Erneut zügigen Schrittes tritt sie an die Fahrertür und bedeutet Julius, das Fenster herunter zu kurbeln.

Es ist ihr offensichtlich unangenehm, ihre Gefühlsausbrüche hier auf offener Straße zur Schau zu stellen und so stützt sie zunächst ihre Unterarme auf den Fensterrahmen und lehnt sich so weit wie möglich ins Innere, bevor schliesslich alles aus ihr herausbricht:
"Ohh es ist so schreckliche! Ich bin SO eine dumme Gans!!" Tränen und schwarze Schminke fließen reichlich und tröpfeln Julius in den Schoß, während Francesca wechselseitig die Blicke aller Insassen sucht. "Heute ist eine große Hochzeit im Lokal meines Onkels und ich habe es vergessen!! Onkel Luigi ist ganz rot angelaufen, als ich ihn um einen freien Tag gebeten habe ... und dann hat er mich Minuten lang angeschrien, bis ich wieder zu Wort kam!!" Gewohnt gestenreich untermal sie ihre Schilderungen dicht vor des Fahrers Nase.

Wieder schluchzt Francesca herzergreifend, als die Szene offensichtlich erneut vor ihrem inneren Auge vorüber zieht. "Es tut mir so leid, aber ich kann nicht mit euch mitkommen", endet sie schließlich etwas gefasster. "Onkel Luigi braucht mich, das stimmt leider wirklich - sonst geht hier alles drunter und drüber und ICH habe es versemmelt!! Ohh es tut mir leid, meine lieben Freunde - ich bin wirklich SO dumme!!"
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Isaak Silbermann
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Re: I. Donnerstag, 26.1.1922 - Morgenstund hat Gold im Mund

Beitrag von Isaak Silbermann » Samstag 25. Oktober 2014, 14:26

Isaak fällt Francescas demolierte - man kann es nicht anders nennen - Frisur bereits ins Auge, als diese das Lokal auf wackligen Beinen in Richtung des Wagens verlässt. Was mag da drinnen nur vorgefallen sein? Die Tränen sind noch nicht getrocknet und Traurigkeit, aber auch Wut zeichnen sich im Ausdruck der jungen Italienierin ab. Die schluchzenden Worte, die ihre aufgewühlten Gefühle preisgeben, erregen Mitgefühl in dem Mann, der soeben noch guter Dinge war.

Natürlich stellt die Tatsache, dass Francesca nun arbeiten muss, kein Problem dar - im Gegenteil: die väterliche Stimme, die sich immer wieder in ihm meldet, ist sogar erleichtert. So ist Francesca weitaus weniger gefährdet, als wenn sie die Gruppe begleiten würde.
Dass dies aber für sie einem Weltuntergang gleichkommt, zeigt ihr aufgelöstes Verhalten.

Langsam und bedächtig rutscht Isaak im Wagen ein wenig näher zum Fenster heran und reicht Francesa - nicht zum ersten Mal - sein frisches Stofftaschentuch. Dabei bemüht er sich um größtmögliche Gelassenheit, Wärme liegt nicht nur in seinem Blick, sondern auch in seinen Gesten.
"Francesca, alles ist gut", mit einem Lächeln und sanfter Stimme wendet er sich an sie. "Hier bist Du gut aufgehoben, bei deiner Familie, kläre deine Unstimmigkeiten mit deinem Onkel und hilf ihm - er braucht Dich wirklich", appelliert er an den Familiensinn der Italiener, den er auch in Francesca zu sehen glaubt. Wir kommen zurecht und werden Dir später berichten, was wir in Erfahrung gebracht haben."
Isaak hofft, dass seine Worte sie ein wenig beruhigen können. Erneut lächelt er sie mit seinen Augen an: " ...jeder vergisst mal was, Francesca."

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Re: I. Donnerstag, 26.1.1922 - Morgenstund hat Gold im Mund

Beitrag von Dr. David Schmidt » Samstag 25. Oktober 2014, 19:01

"...und wir können uns ja alle heute am Abend in meinem Haus versammeln und dich auf den neuesten Stand bringen und unsere weiteren Schritte planen", meint David dann noch. Er ist eigentlich ziemlich bestürzt über den emotionalen Aufruhr in dem Francesca im Moment ist, versucht das aber mit ihrem südlichen Temperament zu erklären. Vielleicht sind es aber noch Nachwirkungen der gestrigen Nacht. Wie auch immer, wahrscheinlich ist sie heute die Einzige ihrer kleinen Gruppe, die heute die Chance hatte einen halbwegs normalen Tag zu erleben. Aufmunternd nickt er ihr zu.
"When in doubt, reach for the stars. That way you'll never come up short."

"Wurde bei einem Freud Kongress weggeschickt, weil ich zu Jung bin." (unbekannt)

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Re: I. Donnerstag, 26.1.1922 - Morgenstund hat Gold im Mund

Beitrag von Der Mentor » Samstag 25. Oktober 2014, 19:17

Die italienische Studentin und Aushilfskellnerin beruhigt sich weiter, als zunächst Isaak und dann David auf sie einreden. Als letzterer geendet hat, erwidert sie: "Ich fürchte, ich werde weit nach dir nach Hause kommen. Wir werden bis in den Nachmittag mit Vorbereitungen beschäftigt sein und dann um 17 Uhr geht die Feier los ... vermutliche bis spät in die Nacht!" Francesca seufzt bedauernd über ihr Los. "Also - nein - warte nicht auf mich. Wir sehen uns dann morgen früh." Danach drückt sie sich mit den Ellenbogen hoch und lächelt noch einmal gequält in den Wagen hinein: "Viel Glück euch allen! Und seid bitte vorsichtig!" Beim Gehen blickt sie noch einmal über die Schulter, dann verschwindet das Fräulein Satorielli im gleichnamigen Restaurant.

Julius startet zeitgleich den Wagen und drückt im weiteren Verlauf ordentlich aufs Gas, um nicht allzu arg verspätet in Grunewald anzukommen.


[Es geht weiter im nächsten Kapitel]
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