XI. Viel Wirbel um Ida

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Piotr Cebulski
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Re: XI. Viel Wirbel um Ida

Beitrag von Piotr Cebulski » Donnerstag 17. Januar 2019, 11:54

Piotrs schmächtige Statur kommt ihm in dem Menschenauflauf ausnahmsweise einmal zugute: schmächtig, schlacksig und geschmeidig wie ein Aal windet sich der junge Pole, ähnlich einem Hasen, der dem Jagdhund zu entfliehen versucht, durch das Getümmel. Ein Veteran mit einem Hackmesser versucht ihn anzuspringen und Cebulski gibt einen glockenhellen Schrei des Entsetzens von sich, doch schlüpft umgehend halb geduckt zwischen zwei sich angeregt unterhaltenden Pärchen hindurch. Während der Veteran in einen der Herren hinein läuft, die zugehörige Dame zu Boden rempelt und sich danach neu orientieren muss, ist Piotr schon am anderen Ende des Foyers angelangt.

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"Wo Gewalt regiert, gibt es nur zwei Parteien. Die eine schreit öffentlich ja, die andere knirscht ingrimmig nein. Wo Freiheit waltet, gibt es tausend Meinungen."

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Isaak Silbermann
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Re: XI. Viel Wirbel um Ida

Beitrag von Isaak Silbermann » Montag 28. Januar 2019, 22:31

Normalerweise erinnert sich Isaak nicht an viel von dem, was in den Tageszeitungen und Zeitschriften stand, die in seinem Salon für die Kundschaft bereitlagen. Ein Artikel ist es aber nun, der ihm in dieser besonderen Situation urplötzlich in den Sinn kommt: die Überschrift lautete damals "Wie man dem Sturm trotzt". Inhaltlich ging es um Gelassenheit und Ruhe in herausfordernden Situationen, die sich durch eine bewusste Atemwahrnehmung und durch achtsame Beobachtung der Umwelt einstellen kann. Damals belächelte er diesen Beitrag, kopfschüttelnd, als könne ihn jemand oder etwas aus der Ruhe bringen.

Doch diese "Anleitung" fällt ihm nun wieder ein, als er die Menschenmenge und ihre verwirrten Reaktionen zu überblicken vermag. Die angriffslustigen Veteranen tragen ihr Übriges dazu bei, dass Isaak mittlerweile von einem beachtlichen "inneren Sturm" sprechen kann, der an Stärke nicht ab-, sondern zunimmt. Besonders der Übergriff auf David lässt ihn erkennen, in welchem Fahrwasser sie sich gerade befinden. Isaak nimmt einen tiefen bewussten Atemzug, spürt den sich öffnenden Brustkorb und eine gewisse Klarheit. Schnellen Schrittes eilt er zu dem Verwundeten, um ihm beim Weiterlaufen behilflich zu sein. Ohne Worte doch mit festem Griff zeigt Isaak, dass er David stützen wird, so gut er kann, damit sie gemeinsam die Aula erreichen.
Der Anblick des verletzten Arztes wirft in Isaak eine Frage auf: Ist es eigentlich schrecklicher zu leiden, quälenden Schmerz zu spüren oder zusehen zu müssen, und sich die erlebbaren Empfindungen des Schmerzes nur vorzustellen?

In diesem unachtsamen Moment der Ablenkung durch einen Gedanken drängt sich einer der Veteranen in Isaaks Nähe, lacht höhnisch und spuckt ihn fast leidenschaftlich von der Seite an. Starker Ekel steigt in Isaak auf, doch die Situation erfordert einen kühlen Kopf. Wohl wissend, dass eine Reaktion auf dieses Verhalten nur unnötig Nerven und Zeit kosten würde, eilt er mit David im Schlepptau zügig weiter und versucht, der Empfindung des nassen, schnodderigen und stinkenden Speichel auf seiner Haut wenig Beachtung zu schenken.


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Der Mentor
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Re: XI. Viel Wirbel um Ida

Beitrag von Der Mentor » Donnerstag 7. Februar 2019, 11:39

Jenseits des Foyers erwartet euch der mittlerweile wohl bekannte Korridor, welcher nach wenigen Knicken in die Aula mündet. Niemand hält sich hier auf, sodass ihr einfach weiter eilen könnt.

Der Durchgang zum finalen Ort eurer Hetzjagd steht offen und dahinter ist die gleiche leere, bestuhlte Szenerie zu sehen, welche ihr bereits zuvor gefüllt von Menschen, Gesang und Grauen besucht habt. Ihr befindet euch also scheinbar zeitlich vor dem Verlesen des zweiten Briefes?!

Sofern überhaupt jemand von euch über diese sonderbare Logik von Raum und Zeit nachzudenken wagt, so vermag er nicht, dieser Frage weiter nachzugehen, denn mit dem Überschreiten der Schwelle wechselt eure "Realität" erneut. Euch ist es in euren Herzen & Hirnen, als würden brüchige Fingernägel über eine Schiefertafel kratzen.

Nahtlos und ohne Chance zu reagieren platzt ihr, einer nach dem anderen, wieder in die Feierlichkeit hinein, der ihr schon einmal als Zuschauer beigewohnt habt: im hinteren Drittel des Raumes stehen Georg Rendel, die anderen Lehrer, der Chor der Mädchen und auch Ida Lechner. Von Mathilde fehlt jede Spur. Dafür wären da die etwa einhundert anwesenden Gäste, welche euch ausnahmslos anstarren, als wärt ihr das alleinige Zentrum ihrer Wirklichkeit. Überhaupt starren euch ausnahmslos alle Augenpaare in diesem Raum an. Es ist totenstill und niemand regt sich.

Außerhalb der gläsernen Rückseite der Aula wabert die gleiche Schwärze wie zuvor und auch die Kaiserstatue im Zentrum wird von der selben Formlosigkeit wie von einem amorphen Mantel umschmiegt.

Rendel bricht die Stille, kaum dass ihr zwei Atemzüge getan und euch grob orientiert habt: Er ruft etwas, dass ihr nicht versteht und die Gäste erheben sich synchron von ihren Stühlen, welche einfach beiseite geschoben werden oder umkippen und dabei eine Kakophonie von quietschendem, klapperndem Holz auf Steinboden erzeugen.

Und als wäre all dies noch nicht genug, materialisiert der schwarze Mann aus der Bibliothek nahe der rechten Seitenwand des Raumes, vielleicht zwei Dutzend Schritte von euch entfernt.

Die Zeit für den letzten Akt scheint gekommen und rinnt euch wie Treibsand durch die metaphorischen Finger ...


[Probe:STA -> 2/1W6+3]
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Re: XI. Viel Wirbel um Ida

Beitrag von Dr. David Schmidt » Samstag 9. Februar 2019, 23:49

David hatte die Hilfe von Isaak gerne angenommen, aber als sich in der neuen Szenerie die Menschenmenge nun gegen sie wendet, versucht er sich zu lösen. Hier durfte er nicht zum Klotz am Bein werden.

"Schnell den Satz!", meint er zu Isaak und hofft, dass sie schon nahe genug sind, oder das sich Isaak alleine schnell nach vorne bewegen kann.

Er ist zu zermürbt an Körper und Geist, um sich noch sehr aktiv mit der veränderten Umgebung auseinanderzusetzen. Die Realität war zerbrochen und irgendwann wird er sich hoffentlich damit auseinandersetzen können, aber jetzt hat er einfach nicht mehr die Kraft dazu.

Doch dann sieht er diesen schwarzen Mann und es ist pure, nackte Angst die er bei diesem Anblick empfindet und es ist genauso wie vorhin an der Treppe, sie schlägt schnell in Wut über. Diese übernatürliche Gestalt ist jedoch zu furchteinflössend, als dass David diese angreifen würde. Wütend sieht er zu Rendel und fängt doch tatsächlich an sich in dessen Richtung zu bewegen. Isaak würde hoffentlich den Satz sagen, aber er wollte sich nun dem Verursacher des Ganzen stellen. Das sich zwischen ihm und Rendel die marionettenartigen Gäste befinden, scheint ihn nicht zu stören.


[Sta: geschafft Sta neu: 45]
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Re: XI. Viel Wirbel um Ida

Beitrag von Julius Johnsson » Sonntag 10. Februar 2019, 14:38

Einmal mehr kommt sich Julius vor wie an einem Filmset, die ständig wechselnden Szenerien zehren an seinem strapazierten Nervenkostüm. Der Anblick Rendells lässt auch in ihm eine unbändige Wut aufkochen und als er sieht wie Dr. Schmidt in dessen Richtung geht würde er am liebsten hinterherstürmen. Als er jedoch das schwarze Wesen erkennt lässt ihn das kurz innehalten und ihre Lage überblicken. Scheinbar hatten sich alle Anwesenden in diesem Raum gegen sie verschworen, ein Kampf schien mehr als aussichtslos. Es konnte nur noch darum gehen den letzten Satz aufzusagen so lange man es noch konnte.
"Herr Silbermann, ihr sprecht den Satz und ich schütze Euch!" meint Julius und hält sich dicht an Isaak während er bereit ist jeden zu nahe kommenden mit einer Ladung Schrot zu empfangen.

[Sta: kritisch geschafft, neue Sta: 45]

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Der Mentor
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Re: XI. Viel Wirbel um Ida

Beitrag von Der Mentor » Mittwoch 13. Februar 2019, 09:46

Piotr drängt sich dicht hinter Julius und Isaak, unfähig etwas Sinnvolles beizutragen. David hingegen wird in seinem Ausfall schon nach wenigen Metern von erbarmungslos zupackenden Händen gebremst. Die ersten kann er noch beiseite schlagen, sich losreißen und weiter taumeln, doch es sind zu viele. Er spürt, wie sein Hemd an einer Stelle reißt, jemand greift nach seiner Jacke, seinem Haar. Jemand anders stürzt vor ihm zu Boden und lässt ihn stolpern, doch immer mehr tastende, grapschende Hände verhindern, dass er gänzlich hinfällt. Ein Gewirr aus Armen, Händen und leeren Gesichtern mit leblosen Augen sind über ihm, dazu die unnatürliche Stille, welche nur von vielkehligen, schnaufenden Atemgeräuschen gebrochen wird. Dann trifft den Psychiater etwas unvermittelt und hart am Hinterkopf ... ihm wird schwarz vor Augen.
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Re: XI. Viel Wirbel um Ida

Beitrag von Isaak Silbermann » Freitag 15. Februar 2019, 21:53

Auf den Ältesten der Runde wirkt die ganze Inszenierung Rendels wie ein gutes Schauspiel. Wenn er nicht wüsste, dass die Veranstaltung rein gar nichts mit spielen zu tun hat, so würde er erfreut und entzückt dem Treiben auf der Bühne beiwohnen. Doch Isaak ist klar genug um die Situation als dramatisch und gefährlich einzuschätzen. Die Aufforderungen Davids und Julius' erreichen ihn unverzüglich, sodass er den vierten Brief aus der Mantelinnentasche zu greifen versucht, während sein Blick auf Rendel ruht. Die triumphierende Pose, das Böse im Blick - dieser Mann konnte fraglos den Alptraum eines jeden Menschen verkörpern. Isaaks Hand im Mantel vermag das Papier jedoch noch immer nicht recht zu fassen, so sehr zittern die Finger seiner Rechten, die sich kalt und fremdgeführt anfühlt.

Als er den Brief schlussendlich zu Tage befördert, räuspert er sich kurz und tupft sich mit einem Stofftaschentuch den Schweiß von der feuchten Stirn. Dann liest er die versteckte Botschaft in lauten, deutlichen Worten vor: "VATER, MEINE KRAFT SOLL DICH IN IDA VERNICHTEN!"

[Sta: geschafft, neue Sta: 47]

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Re: XI. Viel Wirbel um Ida

Beitrag von Der Mentor » Montag 18. Februar 2019, 11:42

Julius Doppellauf ist auf die schwarze Alptraumkreatur gerichtet, welche sich mit an einen betrunkenen Stelzvogel erinnernden, ausladenden Schritten nähert. Die zugleich geschmeidigen und ungelenk wirkenden Bewegungsmuster locken einen ähnlichen Ekel aus tief liegenden Ebenen eures Bewusstseins hervor, wie es Spinnen bei Arachnophobikern tun.

Der Finger am Hahn des Regisseurs zuckt bereits nervös - noch wenige Schritte, dann würde er schießen - doch Isaak kommt ihm zuvor und vollendet den decodierten Spruch. Absolut zeitgleich mit dem Verkünden der letzten Silbe bricht Rendels Zauberbann.

Der schwarze Mann, die Schlieren außerhalb der Fenster und ebenso jene, die die Kaiserstatue umspielen, lösen sich in schillernden Faben auf, wie zerplatzende Seifenblasen. Die Gäste halten inne, blinzeln verwundert, sehen sich um. Das Gleiche geschieht in den Reihen der Lehrer und Chorschülerinnen. Und Ida ... Ida ist DA!

Ihre Augen leuchten vor wacher Präsenz und jede Angst und Unsicherheit weicht augenblicklich aus ihrer Körpersprache, als sie aus den Reihen der anderen Mädchen hervortritt und ihren Vater fixiert.

Eine Hand hebend, wird auch Georg Rendel von unsichtbaren Kräften gepackt und in die Höhe gezerrt, so wie es der Pflegerin oben in der Bibliothek erging. Seine Füße strampeln tastend, zwei Handbreit über dem Parkettboden und seine Finger versuchen vergeblich, die unsichtbaren Klauen um seine Kehle abzustreifen. Ida funkelt zornig triumphierend, öffnet die Hand mit einer spielerisch leichten, fast beiläufigen Geste ... und zerreißt ihren Vater im wahrsten Sinne des Wortes vor euren Augen in der Luft!


[Es geht weiter im nächsten Kapitel]
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